Warum Twitch bald sein Monopol verlieren könnte – Ein Kommentar

Twitch Monopol

Twitch hat in den letzten Wochen für sehr viel Furore gesorgt und da diese Plattform immer wieder ein wichtiges Thema auf meinem Blog ist, muss ich noch einmal die Chance nutzen, ein bisschen über das Thema zu schreiben. Denn aktuell sieht es so aus, dass Twitch seine Monopolstellung verlieren könnte, wenn nur ein wenig Solidarität geltend gemacht werden würde. Twitch besitzt unter den Streaming-Plattformen ein Monopol und das kommt auf der einen Seite daher, dass sie am frühsten den Markt für Livestreams entdeckt haben, sie die beste, schönste und nutzerfreundlichste Plattform haben. Aber auch das gute Marketing hat sicherlich dafür gesorgt, dass die Plattform verdienterweise dort ist, wo sie heute ist. Sind wir ehrlich: Von allen Plattformen in dem Bereich, macht Twitch einfach einiges besser. Trotzdem zeichnet sich jetzt langsam aber sicher ein Bild ab, was Monopole eben ausrichten können. Die Amazon-Tochter kann nicht nur mit den eigenen Content Creator, sondern ebenso mit den Nutzern umgehen wie sie möchten, da sie nicht befürchten muss, diese zu verlieren – Es gibt schließlich kein anderes Angebot. Diese Annahme kann Twitch aber nun eben genau diese Position nehmen.

Was ist passiert?

Fast regelmäßig sorgt Twitch für immer mehr Unmut bei den Fans und den Content-Produzenten, da entweder neue Richtlinien aufgesetzt werden oder mal wieder mit zweierlei Maß gemessen wird. Streamerinnen, die beispielsweise auf der Plattform live Geschlechtsverkehr haben – auch wenn man keine Geschlechtsteile sieht – werden lediglich für wenige Tage verbannt. Andere, die vollkommen harmlose Beleidigungen im Stream sagen, werden für mehrere Monate gebannt. Worte, die falsch ausgesprochen werden oder wo Twitch möglicherweise irgendwelchen komischen Dinge hineininterpretiert. Für Handbewegungen oder für Thumbnails wird man stärker bestraft, als für das Zeigen von Geschlechtsteilen.

Ebenso ist es für viele ein großer Dorn im Auge, dass die Plattform Glücksspiel erlaubt. Auch hier sind in der Vergangenheit Abgründe aufgezeigt worden, warum dieser Content auf Twitch kritisch bewertet werden sollte und auch hier hat Twitch nicht wirklich reagiert. Doch als die gesamte Debatte rund um das Casino-Thema völlig eskalierte, hat Twitch nachgegeben. Ausschlaggebend hierfür war der Silker-Fall. Der Streamer hatte über Monate hinweg große Streamer wie auch eigene Zuschauer nach Geld gefragt, das geliehene Geld aber für seine Spielsucht ausgegeben. Dieser Fall erzürnte die Massen derart und Twitch lenkte ein – aber auch hier nur wieder sehr halbherzig.

Denn die Amazon-Tochter verbietet lediglich das Spielen auf unlizenzierten Seiten. Ein völliges Glücksspielverbot ist also auch weiterhin eher ein Wunschdenken vieler User. Jedes Land hat andere Glücksspielgesetze. In Malta etwa wie auch in Kanada ist das Streamen von online Glücksspiel völlig legal und demnach muss ein Streamer einfach in dieser Location ansässig sein, damit er diesen Content auf der Plattform streamen und bewerben darf.

Trotzdem für viele ein Grund zum Jubel, denn es sei „der erste Schritt“. Twitch hat mit dieser Nachricht – die auf sehr viel Zuspruch trifft – Land gutgemacht und die Massen beruhigt. Dabei haben sie mit dieser Nachricht lediglich ein Ablenkungsmanöver unternommen, um von einer weitere, deutlich bösere Nachricht abzulenken. Denn Twitch hat direkt danach bekannt gegeben, das Auszahlungsmodell ihrer Partner zu verändern. Partner-Streamer sollen nicht wie bisher 70 Prozent ihrer Twitch-Einnahmen behalten, sondern nur noch 50 Prozent – zumindest wer mehr als 100.000 Dollar mit der Plattform verdient. Viele sehen darin nicht mehr den Sinn, groß zu werden. Das größer werden auf der Plattform fühlt sich eher wie eine Verschlechterung, als eine Verbesserung an – zumindest aus monetärer Sicht. Ebenso ist die Furch vor noch mehr Werbung groß. Denn Werbung soll sich für die Content-Ersteller noch mehr lohnen. So können sie die verlorenen Einnahmen, die sie durch den neuen Revenue Share erleiden, durch Werbung kompensieren. Und immer wenn eine Plattform über Werbung versucht mehr Einnahmen zu erzielen, riskiert sie damit, die Tore für die Konkurrenz zu öffnen, die eben ein anderes Finanzierungsmodell besitzen bzw. einfach aufgrund von weniger Werbung, benutzerfreundlicher sind. Und genau an diesem Punkt befinden wir uns aktuell in meinen Augen.

Bevor ich aber auf die Konkurrentenanalyse eingehe, möchte ich noch eine wichtige Sache erwähnen. Denn Twitch hat nicht nur die vermeintlich gute Nachricht benutzt, um von einem Problem abzulenken, sondern auch die Nachricht, über die sich berechtigterweise alle Inhalt schaffenden auf Twitch beschweren. Ich gehe so weit und behaupte, dass beide Nachrichten nur den Sinn hatten, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu erzeugen, um von einem Problem abzulenken, bei welchem sich bei jedem Menschen die Haare sträuben. Denn an jenem Tag, wo Twitch diese beiden oben genannten Nachrichten publik machte, kam ebenso ein Bericht von Bloomberg heraus, der aufzeigt, wie leicht es Twitch für Menschen macht, Grooming und sexuelle Fantasien an Kindern auszuführen.

Twitch macht zu wenig, während die Zahlen – vor allem in der Coronapandemie – massiv zugenommen haben. Bei Twitch kann man bereits ab 13 Jahren streamen und benötigt nur ein Handy. Bei TikTok oder YouTube benötigt man wenigstens ein paar Abonnenten oder muss 16 Jahre alt sein. In meinen Augen auch kein besserer Schutz, aber Twitch macht es für Raubtiere schon vergleichsweise einfach. Ich denke, dass Twitch auch von diesem Bericht ablenken wollte, um ihren Ruf zu bewahren.

Wer könnte Twitch jetzt Konkurrenz machen?

Das Problem ist, dass Twitch sich innerhalb von dieser wirklich sehr langen Zeit (mehr als 10 Jahre) ein unglaubliches Monopol aufgebaut hat und nicht nur durch Verträge, sondern auch durch Nutzererfahrungen dieses aufrechterhalten kann. Wie ich bereits erwähnte, ist Twitch für mich und für viele andere die beste, übersichtlichste und schönste Plattform, um Streams zu genießen. Und selbst wenn eine Plattform es nun besser macht, wird sich daran nicht viel ändern. Ich kann mir vorstellen, wie unklar vielen Menschen sich darüber sind, warum Twitch so unzerstörbar scheint. Die meisten kennen Amazon und Jeff Bezos als einen der reichsten Menschen und wertvollsten Unternehmen der Welt. Doch das Geschäftsmodell von Amazon ist längst nicht mehr einfach das große Versandhaus, was uns Tag für Tag ganz zuverlässig und bequem unsere Päckchen liefert, sondern in erster Linie ein Software-Konzern und die Mutter hinter AWS (Amazon Web Services). AWS ist ein Cloud-Anbieter und deshalb ist es für Amazon auch möglich, jeden Traffic, den Twitch verursacht, selbst zu hosten.

Das bedeutet im Klartext, dass Amazon in der Lage ist durch sein Cloud-Geschäft, alle Server und Daten selbst zu speichern, zu hosten und zu verwalten was in einer Menge wie sie Twitch produziert für keinen gewöhnlichen Konzern im Ansatz möglich ist. Die Kosten für ein solches Vorhaben sind unbezahlbar, vor allem wenn man sich Server bei einem Drittanbieter kaufen und mieten muss.

Microsoft

Neben Amazon ist Microsoft ebenso stark im Cloud-Geschäft tätig und ist deshalb auch in der Lage ihr Cloudgaming zu stemmen, was durch den Game Pass nach und nach vorangebracht wird. Microsoft hat versucht Twitch Konkurrenz mit ihrem Streaming-Dienst Mixer zu machen, haben aber das Projekt schon nach vier Jahren eingestellt. Sie haben versucht, mit Ninja und Shroud absolute Topstars für sich zu gewinnen, doch waren diese beiden Kanäle offline, war auf der gesamten Plattform nichts los und niemand hat einen Grund gesehen, sich dort aufzuhalten. Obwohl Mixer ein nicht nennenswerten Marktanteil hatte und von Twitch als kleiner Windhauch wahrgenommen wurde, hat Microsoft schon an diesem frühen Stadium den Grund gesehen, die Reißleine zu ziehen – Vermutlich weil die Kosten schon da zu hoch waren. Sicherlich kann man sagen, dass Mixer eine falsche Strategie gewählt hat uns sich mehr auf mittelmäßige Streamer hätten fokussieren müssen, trotzdem kann nicht mal Microsoft – die noch größer als Amazon sind – Twitch Konkurrenz machen. Microsoft ist also in einer perfekten Lage, kann aber Twitch nicht verdrängen. Ich liste sie hier dennoch mit auf, um zu zeigen, wie schwierig es ist, mit Twitch zu konkurrieren.

Google

Google hat nicht nur den Vorteil, dass sie einen eigenen Cloud-Dienst haben, sondern auch die nötige Infrastruktur durch eigenen Cloud-Dienst haben, sondern auch die nötige Infrastruktur durch YouTube und dessen Streaming-Angebot. Ich schätze Google als einzigen fähigen Konkurrenten ein, wenn sie ihren Fokus auf das Livestreaming ein wenig verstärken würden. Google hat nicht nur YouTube, sondern ebenso ein Cloud-Angebot, was die Speicherkapazitäten und die daraus resultierenden Kosten stemmen kann. Ebenso macht Alphabet wie Amazon abseits davon saftige Gewinne und können diese Streaming-Offensive quersubventionieren.

Man muss auch bedenken, dass YouTube-Streams schon jetzt einiges besser als Twitch machen. Der Videoplayer wie auch die Möglichkeit im Stream zurückzuspulen und jederzeit wieder vorspulen zu können, um dann wieder Live zu sein beispielsweise. Es sind kleine Dinge, die jedoch bei einem solchen Level entscheidend sein können. Der Chat von YouTube ist räudig, was immer als Argument genutzt wird und auch die Emotes wirken nicht so wie auf Twitch. Doch sind das Dinge, die Twitch langfristig ausmacht?

Facebook

Auch Facebook-Streaming muss man als Konkurrenz akzeptieren und auch wenn der Dienst von vielen Streamern belächelt wird, hat er immerhin größere Marktanteile am Livestreaming-Geschäft als YouTube Gaming. Facebook hat aktuell aber einige Baustellen im Unternehmen und es kann sein, dass ihre Streaming-Plattform dadurch ein wenig auf der Strecke bleibt. Vor allem in Schwellenländern wie Indien, Indonesien oder Südamerika kann Facebook Gaming punkten. Facebook Gaming hat auch einen etwas anderen Einsatz und mehr das „gemeinsame Spielen“ als Aspekt. Facebook ist aktuell damit am Kämpfen, vor allem Instagram attraktiv zu halten und fokussiert sich in meinen Augen zu stark auf das Metaverse-Projekt.

TikTok

Auch TikTok sollte man nicht unterschätzen und pusht das eigene Livestreaming-Angebot weiter. Zwar bekommt man auf TikTok nicht die übertriebene Qualität, dafür muss ein User aber auch nicht mehrere tausend Euro in ein Streaming-Setup investieren. Bei TikTok nimmt man sein Handy in die Hand und jeder kann einfach jederzeit, überall live gehen ohne Vorkenntnisse – solange er 16 Jahre alt ist. Bei einer so großen Nutzerzahl und einem derart gut funktionierendem Algorithmus, würde es mich nicht wundern, Leute auf TikTok einfach viel mehr Follower und Viewer erreichen können, als sie es als Neuling bei Twitch könnten.

TikTok hat auch ein Modell eingeführt, um die Contentersteller zu vergüten und orientiert sich dabei stark an Twitch. Abonnenten bekommen beispielsweise exklusive Rechte, mit dem Ersteller zu chatten oder besondere Emotes im Chat zu nutzen. Ich denke, dass TikTok vor allem für die Just Chatting-Kategorie auf Twitch – die ja auf der Plattform zu einer der beliebtesten gehört – eine ernste Gefahr darstellt.

Neben YouTube sehe ich tatsächlich TikTok als den größten Konkurrenten für Twitch, weil TikTok durch seinen Algorithmus eine Technologie besitzt, die Usern viel besser hilft und das Erlebnis auf der Plattform deutlich verbessert.

Andere

Wenn man einfach mal auf Google nach Twitch-Konkurrenten sucht, wird man fündig. Es gibt ein breites Angebot an Streaming-Diensten, aber die Spanne zwischen Twitch und diesen ist eben unendlich weit. Rumble, Odysee, Brime, Trovo sind alles tolle Dienste, aber kommen nicht im Ansatz an Twitch ran. Dass es so viele Angebote gibt, zeigt deutlich, dass man zwar leicht einen Dienst wie Twitch aufbauen kann, jedoch kaum jemand sich darauf verirrt und man im Vergleich zu den anderen etablierten Diensten abgeschlagen bleibt.

Fazit

Wenn man die Monopolstellung von Twitch bekämpfen möchte, dann muss man es jetzt tun! Große Streamer müssen sich solidarisch zusammensetzen, Hand in Hand arbeiten und sich zusammen gegen Twitch stellen und ihnen klarmachen, warum Twitch das ist, was es ist. Sicherlich hat man als Streamer die Angst auf einen Teil seiner Einnahmen zu verzichten, etwa weil man weniger Streamt oder seinen Partnerstatus verliert. Eigentlich traurig, wenn man daran denkt, dass sie durch Kooperation und aufgrund ihrer Reichweite mehr Macht besitzen, eher unabhängiger von Twitch zu sein, machen sie sich eher noch abhängiger davon. Die größten Streamer haben genug andere Zweige, auf denen sie sitzen können, wenn der Twitch-Zweig abbricht.

Schon jetzt fangen an Streamer die Plattform zu verlassen bzw. ihren Exklusiv-Vertrag mit ihnen auslaufen zu lassen. Aktuell zeichnet sich der Trend ab, dass Streamer nicht nur auf Twitch, sondern mehreren Plattformen gleichzeitig streamen werden. Vor allem Ninja machte das bei seinem großen Comeback direkt zum Thema. Durch die Änderung der Vergütung hat Twitch also sich selbst aktuell mehr geschadet, denn andere Streaming-Dienste gewinnen unter den Content-Erstellern nun an Beliebtheit. Ob das nur ein Trend ist und sich letztlich doch der meiste Traffic auf Twitch abspielen wird, wird sich zeigen. Ich denke, dass Twitch auch weiterhin der König der Streaming-Dienste bleibt, wenn man die wackelige Situation, die aktuell vorherrscht, nicht nutzt.

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Mein Name ist Lukas Mehling, aber online kennt man mich wohl eher als MuSc1. Ich bin der Gründer und Betreiber von gamerliebe.de. Auf meinem Blog geht es vorrangig um das Thema Selbstständigkeit, Arbeiten und Geld verdienen in der Gaming-Branche. Dabei fokussiere ich mich vor allem auf die Gaming-Branche und Aktien von Videospiel-Unternehmen.

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