Xbox-Chef Phil Spencer: „Wir haben den Konsolenkrieg verloren“

Phil Spencer Xbox
© gamerliebe

Fällt das Kartenhaus rund um die Xbox nun zusammen? Nachdem die Quartalszahlen von Sony und Microsoft veröffentlicht wurden, zeigte sich ein klares Bild, in welcher Richtung sich die beiden Konsolen bewegen. Während die PS5 massiv nachgefragt ist, scheint die Nachfrage bei der Xbox ins Stocken zu geraten. Darüber hinaus fehlt es nach wie vor an großen Titeln, die Spieler zum Kauf einer XBox oder zum Abonnieren vom Game Pass ermutigen.

Auch wenn viele Fans in der Gaming-Szene in meinen Augen überreagieren und sogar den Rücktritt von Phil Spencer fordern, ist es doch wichtig, die guten wie auch die schlechten Punkte aus dem umfangreichen Interview von Kinda Funny Games mit ihm zu deuten. Denn das Interview hat zweifellos für sehr viel Wirbel in der Szene gesorgt und sowohl fragende als auch enttäuschende User zurückgelassen.

Für mich handelt es sich hierbei um einen CEO, der transparent wie nie ist und offen und ehrlich über die aktuelle Lage im Gaming-Geflecht. Auch der katastrophale Release von Redfall wie auch die Übernahme von ABK wurde thematisiert.

Redfall

Vor einigen Tagen ist Redfall veröffentlicht worden, ein AAA-Spiel aus dem Hause Bethesda, welcher seit Jahren große Erwartungen und Hoffnungen weckt. Nicht nur ist es das erste große Spiel von Bethesda, welches seit der Microsoft-Übernahme erscheint, sondern soll auch eine Art Befreiungsschlag sein, welcher Bethesda aus dem Tal der schlechten Qualität holen soll. Ein sehr wichtiges Release, möglicherweise das Wichtigste in der gesamten Historie von Bethesda.

Doch es kam anders. Lediglich 30 FPS, statt den versprochenen 60 frames per second liefert das Spiel ab, bietet es ein langweiliges Lootsystem, eine durchschnittliche Open World, ein halbherziges und quasi obsoletes Skillsystem, eine dümmliche KI, langweilige Bossgegner und und und – die Liste von Enttäuschungen ist lang und wird weder dem Studio noch dem Ruf eines Vollpreistitels gerecht.

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Metacritic und Opencritic bewerten das Spiel mit schwachen 57 bzw. 61 Punkten und auch auf Steam fallen die meisten Bewertungen negativ aus. Auch die Fachpresse kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Mal wieder wurden wir von einem Vollpreis-Titel enttäuscht. Eine Schande, die auch an Phil Spencer, dem Xbox-Chef, nicht spurlos vorbeigeht.

Der Xbox-Chef räumt Fehler ein und verspricht, dass weiterhin an Redfall gearbeitet wird, dass er die volle Verantwortung trägt und dass er von sich selbst enttäuscht ist. In Zukunft wird mehr Wert auf Qualitätskontrolle gelegt, während Bethesda wie auch andere Studios ihre kreative Freiheit weiterhin ausleben dürfen.

Ob er aus den Fehlern lernt, wird sicherlich der Starfield Release im September zeigen. Eine Suppe, die nochmal eine Nummer heißer gekocht wird, als Redfall.

Der Konsolenkrieg

Im angesprochenen Podcast ging es neben der Kritik an Redafall auch um die allgemeine Marktstellung der Xbox, die Phil Spencer ausführlich erklärt. Was für viele einer Kapitulation gleichkommt, ist für andere ehrlicher Realtalk und keineswegs eine Bankrotterklärung. Phil Spencer räumt ein, dass die Xbox im Vergleich zur Switch oder der PlayStation zurückgefallen ist und spricht davon, dass es keinen Sieg für sie gibt.

„Es gibt keine gute Lösung oder einen Sieg für uns. Und ich weiß, dass das viele Leute aufregen wird, aber die Wahrheit ist: Wenn du auf dem dritten Platz auf dem Konsolenmarkt bist und die zwei Top-Spieler so stark sind und in bestimmten Fällen so einen Fokus auf Deals und andere Dinge haben, das macht es schwer für uns als Team, Xbox zu sein. Das ist unsere Schuld und sonst niemandes“.

Auch wenn Xbox großartige Spiele entwickeln würde, würde das seiner Meinung nach nichts an der Situation ändern und kann das Ruder auch nicht rumreißen. Spencer spricht davon, die wichtigste Konsolengeneration – die Last Gen – verloren zu haben und dass hier der Hund begraben liegt.

Auf der letzten Konsolengeneration haben die User ihre Spiele-Bibliotheken aufgebaut, die man dann nicht in die neue Generation übernehmen konnte. Rund 90 Prozent der Leute, die jedes Jahr in den Laden gehen, um sich eine neue Konsole zu kaufen, gehören bereits zu einem der drei Ökosysteme und haben dort ihre digitale Spielbibliothek.

Viele Spieler, die also auf der Switch oder der PlayStation große Mengen an Spielen gespeichert haben, wechseln ungern zur Xbox, da sie diese dort nicht mehr haben. Ich denke dennoch, dass die richtige Antwort auf dieses Problem der Game Pass ist, da er viel mehr Spiele anbietet und diese deutlich günstiger.

Während man sich bei Sony Vollpreistitel um Vollpreistitel kaufen muss, ist es beim Game Pass möglich, viele Spiele kostenlos, gegen eine monatliche Gebühr, zu spielen. Damit entgeht dem User das Risiko, einen Vollpreistitel zu kaufen, der ihn dann enttäuscht. Zudem hat er die Möglichkeit, neue Spiele zu entdecken, ohne Geld dafür zu bezahlen. Ich finde, dass sich dieses Modell deutlich von den anderen unterscheidet und der Xbox ihren Unique Selling Point verleiht.

Auch wenn viel auf Exklusivität gesetzt wird, bin ich weiterhin der Meinung, dass der Game Pass eher dafür sorgt, dass Leute die Wahl haben auf welcher Plattform sie spielen und vor allem vom gesamten Xbox Ökosystem zu profitieren, während Sony auch weiterhin Exklusiv-Deal um Exklusiv-Deal Third Party-Entwicklern aufdrückt.

Die Blockierung der ABK-Übernahme durch die CMA

Erst im März berichtete ich über ein Gerücht, dass Microsoft die Games-Sparte verkaufen könnte, wenn der Deal mit Activision Blizzard King nicht glückt. Nach aktuellem Stand, scheint genau das durch die Regulierungsbehörden nicht einzutreffen. Durch das Interview mit Phil Spencer scheint nun für viele eine Entlassung von Spencer bzw. gar der gesamten Sparte nicht unbedingt unwahrscheinlich aussehen, da man den Eindruck hat, dass Microsoft nicht ganz einverstanden mit der Arbeit der Xbox ist.

Auch wenn ich selbst in Microsoft investiert bin und dadurch meine Meinung zu subjektiv sein kann, versuche ich mich möglichst neutral zu halten. Mittlerweile wissen wir, dass die Xbox verkaufstechnisch nicht im Ansatz an die Switch oder die PlayStation 5 herankommt und genau das sollte der ABK-Deal ändern. Die Frage ist, ob dann nicht der Jäger (PlayStation) zum gejagten wird.

Ich denke, dass wenn der ABK-Deal funktioniert, dass Xbox auf jeden Fall in einer sehr starken Position wäre. Ob die hauseigene Konsole im Folgenden jedoch den Markt übermäßig stark dominiert, wage ich stark zu bezweifeln. In meinen Augen wäre es berechtigt, den Deal zu blockieren, wenn Microsoft Call of Duty exklusiv auf der Xbox anbieten würde, da Call of Duty ein wirklich entscheidender Umsatztreiber auf beiden Konsolen ist. Der Shooter würde also nicht nur die Xbox massiv attraktiver machen, sondern im gleichen Atemzug ebenso die PlayStation massiv schwächen.

Da Microsoft jedoch viele Abstriche machte und sogar einen 10-Jahres-Vertrag mit Sony und auch Nintendo – der besagt, dass Call of Duty für 10 Jahre auch für die PlayStation wie auch für die Switch verfügbar bleibt – angeboten hat, halte ich es zu diesen Bedingungen für absolut fair. In dieser Zeit hätte Sony problemlos die Möglichkeit einen würdigen Konkurrenten zu Call of Duty zu erschaffen oder gar in einen neuen Trend wie zum Beispiel das Metaverse, KI oder Mobile zu investieren. Was aber macht Sony? Immer mehr Exklusivität sichern und weiterhin das machen, was sie am besten können, statt neue Wege, Innovationen oder Trends zu etablieren.

Natürlich ist zu berücksichtigen, dass die starke Marktmacht von Xbox der Quersubvention von Microsoft zu verdanken ist. Denn mit Geld – was Microsoft in anderen Sparten wie der Cloud verdient – kann dieses Geld in die Gaming-Sparte gesteckt werden und ermöglicht es Xbox unter anderem, die Konsole mit Verlust zu verkaufen, große Studios zu kaufen oder den Game Pass derart günstig anzubieten.

Es wird viel Geld verbrannt, um einigermaßen wettbewerbsfähig zu bleiben. Kaum ein Unternehmen könnte das über Jahre durchhalten. Doch Microsoft ist eine Gelddruckmaschine, weshalb sie es sich eben leisten können. Kartellbehörden sehen es generell nicht gerne, wenn Unternehmen mit Geld in andere Märkte drängen, welches sie in andern Sparten verdienen. Ich als relativ neoliberal denkender Mensch sage, dass es im Grunde doch eher für ein Unternehmen spricht, wenn es aufgrund seiner finanziellen Stärke Geld, investieren kann – wo immer es sich etwas davon verspricht.

Microsoft wird dafür bestraft, dass sie ein erfolgreiches Software-Unternehmen sind, welches innerhalb von 10 Jahren, neue Geschäftszweige wie AI oder Cloud erschlossen hat, was in keinster Weise einfach war, da auch dieser Markt noch immer von Google, Amazon und weiteren Größen umkämpft ist. Auch kann man nicht ausschließlich mit Geld einfach eine Branche überrennen, wie es Amazon Games, Stadia oder eben die Xbox selbst beweisen. Man braucht eine Strategie, Know-how und Kompetenz, die man teilweise mit Geld einkaufen kann, aber auch kein Garant für Erfolg sind.

Dazu kommt der mobile Markt wie auch Cloud Gaming. Die CMA sagt, dass Microsoft bereits 60-70 Prozent am weltweiten Cloud-Gaming-Markt hat und durch den Deal ein noch größeres Monopol entsteht, was nicht nur die Innovation in diesem Bereich bremst, sondern ebenso die Auswahl der Userinnen und User. Die Frage, die ich mir aber stelle, ist: Warum hat Sony nicht auch diesen Markt angegriffen? „Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer im Vereinigten Königreich hat sich von Anfang 2021 bis Ende 2022 mehr als verdreifacht“, so heißt es im öffentlichen Statement der britischen Regierung.

Da ist also ein Markt, welcher innerhalb von einem Jahr die Userzahlen verdreifacht, den nur Microsoft erkannt hat? Davon mal abgesehen, dass Sony ebenso in anderen Sparten viel Geld verdient und ebenso Geld in anderen Sparten investieren könnte. Dass die CMA also den Deal blockt, ist in meinen Augen mehr als ungerechtfertigt. Vor allem, weil ich – genauso wie Phil Spencer selbst – im Cloud-Bereich einen Markt sehe, der deutlich größer und wichtiger eingeschätzt wird, als er tatsächlich ist. Wie das CMA-Dokument beweist, ist Sony sogar der größte im Cloud-Bereich, weshalb die Begründung der CMA in noch deutlicherer Form infrage gestellt werden muss.

Mein Fazit

Die Stimmung gegen Phil Spencer ist in meinen Augen völlig ungerechtfertigt. Ich denke, dass er für den Posten und das Unternehmen aktuell die beste Besetzung ist, die man finden kann. Auch wenn die Xbox Studios bis dato nicht profitabel sind, schafft er es, mit dem Game Pass profitabel zu sein und ich denke, dass Konsolenverkäufe nicht alles sind.

Ich bin ehrlich: Ich selbst bin oftmals davon ausgegangen, dass die Xbox den anderen beiden Konsolen den Rang ablaufen kann, aber ich weiß auch, dass sie es nicht muss.
Phil Spencer möchte nicht auf Hardware- und Konsolenverkäufe setzen, sondern mit dem Abomodell die Gaming-Sparte von Microsoft profitabler machen.

Ein in meinen Augen sehr kluger Ansatz, wenn man bereits vor Jahren erkannt hat, dass man an die beiden anderen Mitbewerber nicht vorbeikommt. Xbox geht mit dem Abomodell einen völlig neuen Weg und möchte auch, mit der Verfügbarkeit auf möglichst vielen Endgeräten, den Game Pass als Haupteinnahmequelle anvisieren.

In meinen Augen ist die Xbox bzw. das Game Pass-Modell kein schlechtes Produkt! Schaut man auf das Angebot und zu welchem Preis man es erhält, sollte sich jeder eingestehen, dass kein Produkt auf dem Markt ein derart starkes Preis-Leistungs-Verhältnis hat. Zugegeben fehlen zum aktuellen Zeitpunkt noch die großen AAA-Titel, die auch durch die Blockierung von ABK durch die CMA noch länger auf sich warten lassen werden.

Dennoch performt der Game Pass schon jetzt ohne diese Titel in meinen Augen sehr gut und ist auch ohne Hardware-Verkäufe stark platziert. Selbst wenn der Deal stattfinden – unter der Berücksichtigung der Call of Duty-Vereinbarungen – sehe ich keine zu starke Marktmacht. Activision Blizzard ist in meinen Augen der einzige Weg überhaupt im Ansatz, langfristig mit den anderen großen im Segment mithalten zu können. Für die Xbox wäre es das entscheidende Schlüsselelement sich auf dem mobile Markt, den Konsolenmarkt wie auch den PC-Markt zu etablieren, gute Spiele für den Game Pass anzubieten und den Mobile-Bereich – auf welchem Microsoft noch gar nicht vertreten ist – anzugreifen.

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Mein Name ist Lukas Mehling, aber online kennt man mich wohl eher als MuSc1. Ich bin der Gründer und Betreiber von gamerliebe.de. Auf meinem Blog geht es vorrangig um das Thema Selbstständigkeit, Arbeiten und Geld verdienen in der Gaming-Branche. Dabei fokussiere ich mich vor allem auf die Gaming-Branche und Aktien von Videospiel-Unternehmen.

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