Es ist mal wieder an der Zeit, meine Meinung in Form eines Kommentars zu einer aktuell sehr weitreichenden Debatte abzugeben. Die Rede ist von der Diskussion rund um künstliche Intelligenz, insbesondere im Bereich kreativer Arbeit. Der jüngste Aufreger rund um einen mutmaßlich KI-generierten Werbespot von Holy zeigt einmal mehr, welche Wellen diese Debatte mittlerweile schlägt und wie viele absolute L-Takes meiner Meinung nach dabei inzwischen verbreitet werden.
Holy Softdrinks GmbH nutzt mutmaßlich KI für Werbespot auf TikTok & Instagram
by
u/HydrogenTTV in
Laesterschwestern
Zum Hintergrund: Der Gaming Booster Holy schaltete auf TikTok und Instagram einen Werbespot, bei dem viele Nutzer vermuten, dass KI zum Einsatz kam. Daraufhin äußerte die VTuberin SillyEmy öffentlich ihren Unmut und kritisierte, dass ein Unternehmen mit dem Budget von Holy stattdessen Künstler hätte engagieren können. Genau diese Denkweise ist letztlich der Auslöser für diesen Artikel.
Die neue Ai Werbung von Holy macht mich extrem traurig.
Ich habe meine Bedenken diesbezüglich auch geäußert.
Sollte ich die Partnerschaft deswegen beenden müssen, wäre das wirklich bitter.Ich warte dennoch erstmal auf ein Statement von meinen Ansprechpartner bei Holy.
— Emily ̖́- 🏳️🌈 (@SillyEmy) June 17, 2026
Vor KI war Fiverr das Feindbild
Interessanterweise ist die aktuelle KI-Debatte nicht das erste Mal, dass Teile der Kreativszene auf neue Konkurrenz mit Ablehnung reagieren. Lange bevor KI zum großen Feindbild wurde, waren es Plattformen wie Fiverr. Gerade in der Twitch-Szene konnte man immer wieder beobachten, wie Designer öffentlich ihren Unmut darüber äußerten, dass Streamer ihre Emotes, Overlays oder Logos für 10 oder 20 Euro bei Freelancern aus Indien, Pakistan oder anderen Ländern erstellen ließen, statt deutlich höhere Preise bei lokalen Designern zu bezahlen. Teilweise wurden solche Streamer sogar öffentlich an den Pranger gestellt oder als geizig abgestempelt.
Schon damals stellte sich mir dieselbe Frage wie heute bei KI: Warum sollte jemand freiwillig mehr bezahlen, wenn er für seine Anforderungen bereits ein zufriedenstellendes Ergebnis zu einem günstigeren Preis bekommt? Natürlich kann jeder Designer seine Preise verlangen und seine Arbeit so bepreisen, wie er es für richtig hält. Aber genauso sollten Kunden die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, bei wem sie kaufen möchten.
Für mich zeigt sich hier ein Muster. Solange die Marktmechanismen zugunsten der eigenen Branche arbeiten, werden sie akzeptiert. Entsteht jedoch neue Konkurrenz, die günstiger oder effizienter arbeitet, werden plötzlich moralische Argumente ins Feld geführt. Deshalb fällt es mir schwer, die heutige Empörung über KI komplett losgelöst von den Debatten zu betrachten, die schon vor Jahren rund um Fiverr und internationale Freelancer geführt wurden.
Rationalisierung ist wichtig und richtig
Und genau deshalb verstehe ich die aktuelle Debatte nur bedingt. Wenn Standardaufgaben und Massenproduktionen künftig von KI übernommen werden, dann ist das kein Skandal, sondern genau das, was neue Technologien schon immer getan haben. Sie machen Prozesse effizienter, senken Kosten und ermöglichen es Unternehmen, mit weniger Aufwand mehr zu erreichen.
Besonders interessant finde ich dabei die Reaktionen aus der Kreativbranche. Künstler, Designer, Illustratoren und Synchronsprecher gehören aktuell zu den lautesten Kritikikern der KI-Entwicklung. Dabei erleben sie letztlich nur das, was zahlreiche andere Berufsgruppen bereits seit Jahrzehnten erleben.
In der Industrie wurden Produktionsprozesse automatisiert. Im Einzelhandel ersetzten Selbstbedienungskassen bestimmte Tätigkeiten. In Lagern übernehmen Roboter immer mehr Aufgaben. Selbst in meinem beruflichen Umfeld werden bereits KI-Systeme eingesetzt, um Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Gaming-Branche. Immer mehr Studios setzen KI inzwischen ein, um Entwickler bei Dialogen, Questentwürfen, Texturen oder Charakterdesigns zu unterstützen. Natürlich ersetzt das nicht automatisch ganze Teams. Es ermöglicht aber insbesondere kleineren Studios, Inhalte zu erstellen, die früher deutlich mehr Personal und Budget erfordert hätten.
Projekte, die wirtschaftlich kaum realisierbar gewesen wären, können so überhaupt erst entstehen. Genau deshalb wird KI eingesetzt: weil sie Entwicklungszeiten verkürzen, Kosten senken und die Produktivität erhöhen kann.
Natürlich ist es für die Betroffenen nie schön, wenn neue Technologien den eigenen Beruf verändern oder bestimmte Tätigkeiten überflüssig machen. Das kann ich sogar nachvollziehen. Trotzdem ändert das nichts an der wirtschaftlichen Realität. Unternehmen stehen im Wettbewerb und suchen ständig nach Möglichkeiten, effizienter zu arbeiten als ihre Konkurrenz.
Und so hart das für manche klingen mag: Genau das halte ich auch für richtig. Rationalisierung, Innovation und Effizienzsteigerung gehören zum Kapitalismus dazu. Sie sorgen dafür, dass Unternehmen produktiver arbeiten, Kosten senken und ihre Produkte oder Dienstleistungen günstiger anbieten können. Davon profitieren am Ende nicht nur die Unternehmen selbst, sondern auch die Kunden, die nun einmal auf Preis, Qualität und Leistung achten.
Und genau deshalb kann ich auch wenig mit dem Argument anfangen, Unternehmen hätten eine moralische Verpflichtung, Kreative einzustellen, obwohl dieselbe Aufgabe durch KI schneller, günstiger oder effizienter erledigt werden kann. Warum sollte ein Unternehmen bewusst auf einen Wettbewerbsvorteil verzichten, nur um Tätigkeiten künstlich am Leben zu halten?
Meine Erfahrungen mit Designern
Und ich sage es ganz ehrlich: Ein kleiner Teil von mir ist fast schon froh darüber, dass einige Designer und Kreativschaffende gerade mal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden.
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich für eines meiner Projekte ein Logo erstellen lassen wollte. Die Angebote, die ich damals erhalten habe, lagen teilweise bei mehreren hundert Euro und obendrauf sollte ich teilweise sogar noch zusätzliche Lizenzgebühren zahlen, falls ich das Logo später auf Merch drucken oder anderweitig kommerziell nutzen wollte. Als kleiner Creator oder Betreiber eines Projekts fragt man sich da irgendwann schon, ob manche Leute völlig den Bezug zur Realität verloren haben.
Am Ende habe ich einen Designer gefunden, der mir für 50 Euro ein großartiges Logo erstellt hat. Die Arbeit hat mich so überzeugt, dass ich ihm freiwillig noch einmal 50 Euro Trinkgeld gegeben habe. Bis heute ist er mein Stammdesigner, wenn es um ernsthafte und langfristige Projekte geht.
Denn entgegen dem, was manche behaupten, habe ich überhaupt nichts gegen Designer. Im Gegenteil: Für wirklich wichtige Projekte ziehe ich einen guten Designer auch heute noch jeder KI vor. Wobei mir als Endkunde ehrlich gesagt ziemlich egal ist, ob dieser Designer bei seiner Arbeit KI nutzt oder nicht. Für mich zählt am Ende das Ergebnis und der Preis, den ich dafür bezahle. Wenn mir die Arbeit gefällt und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, habe ich genau das bekommen, wofür ich bezahlt habe.
Und genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt. Gute Designer, die faire Preise verlangen, zuverlässig arbeiten und echten Mehrwert liefern, werden auch in Zukunft ihre Kunden finden. Was unter Druck geraten wird, sind vor allem Standardaufträge, Routinearbeiten und Massenproduktionen. Genau diese Aufgaben werden zunehmend von KI übernommen werden. Das halte ich weder für skandalös noch für ungerecht, sondern für eine völlig normale Entwicklung, wie sie jede Branche erlebt, sobald neue Technologien auf den Markt kommen.
So benutze ich KI auf gamerliebe.de
Ich bin da ganz offen und ehrlich: Auch ich nutze KI. Für Übersetzungen, Rechtschreibung und Grammatik, Formulierungen und teilweise auch für Beitragsbilder. Nicht weil ich zu faul wäre, diese Dinge selbst zu machen, sondern weil ich dadurch deutlich effizienter arbeiten kann.
Und genau deshalb kann ich mit vielen Argumenten gegen KI nur wenig anfangen. Am Ende entscheiden immer noch die Leserinnen und Leser (in meinem Fall), ob sie einen Artikel lesen möchten oder nicht. Niemand klickt auf einen Beitrag, weil er ohne KI erstellt wurde. Die Leute klicken darauf, weil sie sich davon Informationen, Unterhaltung oder einen Mehrwert versprechen.
KI ersetzt mich als Autor nicht. Sie entscheidet nicht über die Themen auf meinem Blog, vertritt keine Meinung und übernimmt keine Verantwortung für die Inhalte. Was sie aber macht: Sie erhöht meine Produktivität enorm. Ich kann schneller arbeiten, flexibler auf aktuelle Entwicklungen reagieren und deutlich mehr Inhalte veröffentlichen als früher.
Gerade für kleine Blogs, unabhängige Creator und Einzelpersonen ist das ein enormer Vorteil. Während große Medienhäuser über ganze Redaktionen, Grafiker, Lektoren und Übersetzer verfügen, sitzt man als kleiner Betreiber oft alleine vor dem Bildschirm. KI hilft dabei, diesen Nachteil zumindest teilweise auszugleichen.
Wenn ich früher mehrere Stunden für Übersetzungen, Korrekturen oder die Erstellung eines Beitragsbildes benötigt habe und dieselbe Aufgabe heute deutlich schneller erledigen kann, dann ist das für mich in erster Linie ein Produktivitätsgewinn. Ohne diese Werkzeuge würden kleine Projekte wie meines im Wettbewerb mit großen Medienhäusern noch deutlich schlechter dastehen.
Ein gutes Beispiel dafür sind für mich Beitragsbilder. Früher musste man als Blogger, YouTuber oder Streamer entweder selbst mit Programmen wie Photoshop arbeiten oder jemanden dafür bezahlen. Allein die Creative Cloud von Adobe kostet inzwischen fast 90 Euro im Monat. Für große Unternehmen mag das kein Problem sein, für kleine Creator oder Hobbyprojekte rechnet sich das aber oft hinten und vorne nicht.
Deshalb kann ich auch wenig mit dem Argument anfangen, KI-generierte Bilder seien grundsätzlich weniger kreativ. Denn auch bei KI kommt es darauf an, was man daraus macht. Wenn ich ChatGPT oder einem anderen Bildgenerator einfach nur sage: „Erstelle mir ein Bild zu Thema XY“, dann sieht das Ergebnis meistens auch entsprechend generisch aus. Wer jedoch etwas Zeit investiert, verschiedene Prompts ausprobiert, mehrere Bilder kombiniert und das Ergebnis anschließend nachbearbeitet, kann durchaus hochwertige Ergebnisse erzielen.
Und ganz ehrlich: Im Kern unterscheidet sich das gar nicht so stark von dem, was viele Menschen seit Jahren mit Photoshop, GIMP oder anderen Bildbearbeitungsprogrammen machen. Auch dort werden Bilder kombiniert, Elemente ausgeschnitten, angepasst und zu einem fertigen Ergebnis zusammengefügt. Das Werkzeug hat sich verändert, der kreative Prozess dahinter aber nicht vollständig.
Und selbst wenn das Ergebnis am Ende nicht immer eine glatte 10 von 10 ist, sondern vielleicht nur eine 5 oder 6 von 10, dann muss man trotzdem die Kostenfrage stellen. Für viele kleine Creator ist ein gutes Bild für wenige Euro oder sogar kostenlos schlicht attraktiver als eine perfekte Lösung, die ein Vielfaches kostet. Genau deshalb wird sich KI meiner Meinung nach in vielen Bereichen durchsetzen.
Und auch hier schließt sich für mich wieder der Kreis zu den Designern und anderen Kreativschaffenden. Denn die gleiche Technologie, die angeblich ihre Arbeitsplätze bedroht, kann gleichzeitig ihre Produktivität massiv steigern.
Ein Thumbnail-Designer, Cutter oder Grafiker kann heute KI nutzen, um bestimmte Arbeitsschritte deutlich schneller zu erledigen. Dadurch kann er mit demselben Zeitaufwand mehr Kunden betreuen, mehr Aufträge annehmen oder sich auf die wirklich wichtigen und kreativen Aspekte seiner Arbeit konzentrieren. Wer früher vielleicht einen oder zwei Creator gleichzeitig betreuen konnte, kann heute mit den richtigen Werkzeugen deutlich mehr schaffen.
Genau deshalb verstehe ich die Vorstellung nicht, dass KI automatisch das Ende kreativer Berufe bedeuten soll. Viele der Menschen, die angeblich durch KI ersetzt werden, profitieren selbst von dieser Entwicklung. Die eigentliche Frage ist meiner Meinung nach nicht, ob KI genutzt wird, sondern wer lernt, sie sinnvoll einzusetzen und wer nicht.
Denn am Ende werden diejenigen die größten Vorteile haben, die KI nicht als Feind betrachten, sondern als Werkzeug, mit dem sie schneller, effizienter und wettbewerbsfähiger arbeiten können.
