Rockstar Games hat endlich einen ausführlicheren Blick auf GTA 6 gewährt. In einem rund 26-minütigen Showcase auf Netflix konnten wir zahlreiche neue Szenen aus Vice City, der offenen Welt und dem Leben von Jason und Lucia sehen.
Fast noch interessanter sind allerdings die Informationen, die parallel zum Showcase veröffentlicht wurden. Ausgewählte Creator und Journalisten waren bereits zuvor bei Rockstar North eingeladen und bekamen dort mehrere Stunden GTA 6 Gameplay zu sehen. Dadurch sind nun zahlreiche neue Details bekannt geworden, die Rockstar innerhalb der eigentlichen Präsentation teilweise überhaupt nicht näher erklärt hat.
Und wenn diese Systeme tatsächlich so umfangreich ineinandergreifen, wie es die Previewer beschreiben, könnte GTA 6 wesentlich mehr werden als einfach nur ein größeres und schöneres GTA 5.
Rockstar scheint vor allem ein Ziel zu verfolgen: Der Spieler soll sich tatsächlich wie ein Krimineller verhalten müssen und nicht mehr einfach nur wie ein Spieler in einem riesigen Sandbox-Spiel.
Eine gewaltige Spielwelt rund um Vice City
Rockstar selbst beschreibt die Dimensionen von GTA 6 als etwas, das man in dieser Form bei keinem bisherigen Spiel des Studios umgesetzt habe.
Wie groß Leonida tatsächlich ausfällt, zeigen einige Zahlen, die während der Preview-Sessions genannt worden sein sollen. Demnach soll die gesamte Karte ungefähr doppelt so groß wie die Spielwelt von GTA 5 und sogar rund dreimal größer als die von Red Dead Redemption 2 sein. Allein Vice City soll etwa die doppelte Größe von Los Santos erreichen.
Dabei scheint es Rockstar allerdings nicht ausschließlich darum zu gehen, möglichst viele Quadratkilometer auf eine Karte zu packen. Viel wichtiger dürfte die Dichte der Welt sein. Social Media, Geschäfte, Fitnessstudios, öffentliche Verkehrsmittel, zufällige Ereignisse und ein wesentlich komplexeres Polizeisystem sollen dafür sorgen, dass Leonida deutlich stärker auf den Spieler reagiert.
GTA 6 will Verbrechen wieder gefährlich machen
Einer der wohl größten Unterschiede zu GTA 5 betrifft das eigentliche Verhalten des Spielers. Im Vorgänger konnte man relativ problemlos ein Auto stehlen, Passanten angreifen oder eine Schießerei beginnen. Sobald die Polizei auftauchte, fuhr man einige Straßen weiter, versteckte sich irgendwo und wartete darauf, dass die Sterne verschwanden.
GTA 6 soll dieses Prinzip deutlich verändern. Rockstar möchte den Spieler offenbar häufiger dazu bringen, über seine Handlungen nachzudenken. Eine Aktion kann Konsequenzen haben, die weit über einige zusätzliche Fahndungssterne hinausgehen.
Selbst das Stehlen eines Autos wird dadurch zu einer kleinen Risikoabwägung. Überfalle ich einen Fahrer und entreiße ihm sein Fahrzeug, gibt es möglicherweise einen Zeugen, eine konkrete Personenbeschreibung und ein Auto, nach dem die Polizei anschließend sucht. Steht dagegen irgendwo ein unbeobachtetes Fahrzeug, könnte der Diebstahl wesentlich sauberer ablaufen.
Die Idee dahinter ist spannend: GTA 6 möchte offenbar nicht verhindern, dass wir Verbrechen begehen. Ganz im Gegenteil. Das Spiel möchte uns dazu bringen, besser darin zu werden.
Das Criminal Profile ersetzt das klassische Moral-System
Dazu passt eines der interessantesten neuen Systeme: das sogenannte Criminal Profile. Dabei handelt es sich offenbar nicht einfach um eine GTA-Version des Honor-Systems aus Red Dead Redemption 2. Das Spiel bewertet vielmehr, wie wir Verbrechen begehen.
Ein niedriger Wert bedeutet deshalb nicht automatisch, dass man GTA 6 falsch spielt oder ein besonders böser Charakter ist. Stattdessen scheint Rockstar Professionalität und Vorgehensweise zu bewerten.
Wer beispielsweise einen Laden ausraubt, niemanden tötet und anschließend unbemerkt mit der Beute entkommt, könnte sein Criminal Profile verbessern.
Wer dagegen wegen eines kleinen Raubüberfalls ein halbes Viertel in die Luft sprengt und zahlreiche Menschen erschießt, verhält sich zwar durchaus GTA-typisch, aber eben nicht besonders professionell.
Interessant ist außerdem, dass Rockstar offenbar bewusst auf einen permanent sichtbaren Balken verzichten möchte. Informationen über das Criminal Profile von Jason und Lucia sollen stattdessen über einen eigenen Bereich im Menü abrufbar sein.
Bestimmte Handlungen sollen das eigene Profil sogar dauerhaft beschädigen können. Damit könnte GTA 6 erstmals ein System besitzen, das nicht danach fragt, ob der Spieler ein guter oder schlechter Mensch ist, sondern ob er ein guter oder schlechter Krimineller ist.
Jason und Lucia können ihre Beziehung verändern
Auch die Beziehung zwischen Jason und Lucia soll stärker vom Spieler beeinflusst werden. Offenbar existiert im Hintergrund ein Beziehungssystem, das darauf reagiert, wie beide Charaktere miteinander umgehen.
Dabei geht es nicht ausschließlich um große Entscheidungen innerhalb der Story. Selbst kleinere Aktivitäten könnten Einfluss darauf haben. Jason und Lucia können sich Nachrichten schicken, gemeinsam Zeit verbringen oder miteinander ausgehen.
Dadurch könnte ihre Beziehung unterschiedlich verlaufen, abhängig davon, wie der Spieler mit beiden Charakteren umgeht.
Gerade weil Rockstar die Geschichte von GTA 6 so stark auf das Duo ausrichtet, könnte dieses System für deutlich mehr Dynamik sorgen als die Charakterwechsel zwischen Michael, Franklin und Trevor in GTA 5.
Focus wird eine der wichtigsten Fähigkeiten
Neben dem Criminal Profile und der Beziehung zwischen den Hauptcharakteren gibt es mit Focus offenbar noch einen dritten größeren Wert beziehungsweise eine zentrale Charakterfähigkeit.
Das System erinnert zunächst an Dead Eye aus Red Dead Redemption oder Michaels Spezialfähigkeit aus GTA 5. Focus kann offenbar die Zeit verlangsamen und sowohl von Jason als auch Lucia eingesetzt werden.
Die Fähigkeit besitzt allerdings noch weitere Funktionen. So sollen beispielsweise Schwachstellen von Gegnern hervorgehoben werden können. Auch bei Fahrzeugen kann Focus offenbar interessante oder wertvolle Komponenten sichtbar machen.
Damit scheint Rockstar das System stärker mit der offenen Welt und dem kriminellen Gameplay zu verbinden, anstatt lediglich eine Zeitlupenfunktion für Schießereien einzubauen.
GTA 6 verabschiedet sich vom klassischen Auto-Aim
Auch beim Schießen soll GTA 6 einige Änderungen vornehmen. Das bekannte automatische Zielsystem soll in seiner bisherigen Form verschwinden. Stattdessen setzt Rockstar offenbar stärker auf manuelles Zielen, kombiniert mit einer Zielhilfe.
Dadurch dürfte das Gunplay etwas anspruchsvoller ausfallen und den Spieler stärker selbst einbeziehen. Wie stark die Zielhilfe am Ende ausfällt und welche Einstellungen zur Verfügung stehen werden, bleibt allerdings abzuwarten.
Autos brauchen Benzin – Elektroautos müssen geladen werden
Eine der überraschendsten Neuerungen betrifft Fahrzeuge. Autos benötigen in GTA 6 offenbar tatsächlich Treibstoff. Elektrofahrzeuge wiederum müssen entsprechend geladen werden.
Was zunächst nach einer Mechanik klingt, die nach wenigen Stunden ziemlich nervig werden könnte, soll laut den bisherigen Berichten bewusst so gestaltet worden sein, dass sie den Spielfluss nicht permanent unterbricht.
Vielmehr könnte Kraftstoff eine weitere Variable bei der Wahl eines Fluchtfahrzeugs darstellen. Ein schneller Sportwagen hilft schließlich nur bedingt, wenn nach wenigen Kilometern der Tank leer ist.
Gestohlene Fahrzeuge können Tracker besitzen
Noch interessanter wird das Ganze durch ein weiteres System. Neuere Fahrzeuge können offenbar mit Trackern ausgestattet sein. Dadurch könnte die Polizei ein gestohlenes Fahrzeug verfolgen, selbst wenn man zunächst unbemerkt damit entkommen ist.
Im Laufe des Spiels sollen bestimmte Hehler beziehungsweise Kontakte dabei helfen können, solche Tracker zu entfernen. Alternativ könnte man bewusst ältere Autos stehlen, die diese Technik überhaupt nicht besitzen.
Auch hier entsteht wieder genau die Art von Entscheidung, die Rockstar offenbar mit GTA 6 erreichen möchte: Nicht zwangsläufig das schnellste oder teuerste Auto ist automatisch das beste Fluchtfahrzeug.
Bargeld wird wieder zu einer echten Ressource
Selbst unser Geld soll stärker in das Gameplay eingebunden werden. Bargeld, das Jason oder Lucia direkt bei sich tragen, kann offenbar verloren gehen, wenn man stirbt oder von der Polizei verhaftet wird.
Wer größere Mengen Geld besitzt, sollte diese deshalb entweder an einem sicheren Ort lagern oder über einen Geldautomaten einzahlen.
Einfach das Smartphone herauszuholen und sein Bargeld innerhalb weniger Sekunden auf das Konto zu verschieben, soll nicht möglich sein. Damit bekommt Geld wieder etwas mehr Bedeutung als eine bloße Zahl in der oberen Ecke des Bildschirms.
Hehler kehren aus Red Dead Redemption 2 zurück
Auch Beute aus Überfällen muss offenbar sinnvoll zu Geld gemacht werden. Dafür gibt es Hehler, bei denen gestohlene Gegenstände verkauft werden können. Das System erinnert stark an Red Dead Redemption 2.
Gleichzeitig scheinen diese Kontakte noch weitere Funktionen zu übernehmen. Fortschritt bei bestimmten Hehlern könnte beispielsweise notwendig sein, um Sicherheitssysteme oder Tracker aus gestohlenen Fahrzeugen entfernen zu können. Dadurch könnten einzelne kriminelle Kontakte im Laufe des Spiels zunehmend wertvoll werden.
Autofahren liegt zwischen GTA 4 und GTA 5
Das Fahrverhalten von GTA 5 war deutlich arcade-lastiger als das von GTA 4. GTA 6 soll sich nun irgendwo zwischen beiden Spielen positionieren.
Fahrzeuge sollen schwerer wirken und sich weniger leichtfertig durch die Straßen bewegen lassen als noch im Vorgänger. Gleichzeitig scheint Rockstar aber nicht vollständig zur teilweise sehr schweren Fahrzeugphysik von GTA 4 zurückzukehren.
Gerade in Verbindung mit engeren Straßen, einem intelligenteren Polizeisystem und Fahrzeugschäden könnten Verfolgungsjagden dadurch wesentlich anspruchsvoller werden.
Die Polizei soll deutlich intelligenter werden
Besonders umfangreich fallen offenbar die Änderungen am Fahndungssystem aus. Polizisten werden nicht mehr einfach permanent direkt auf der Minimap angezeigt. Statt nur auf den kleinen Kartenausschnitt zu starren und Polizeisymbole zu umfahren, müssen Spieler ihre Umgebung stärker selbst beobachten.
Auch die Polizei-NPCs sollen wesentlich intelligenter reagieren. Polizisten können beispielsweise gezielt auf die Reifen eines Fluchtfahrzeugs schießen, um den Spieler zu stoppen. Noch wichtiger ist allerdings, welche Informationen die Polizei über den Täter besitzt.
Cops können sich offenbar an das verwendete Fahrzeug, die Kleidung und das Aussehen des Spielers erinnern. Unter Umständen reicht es deshalb nicht mehr aus, einfach eine Minute hinter einer Mauer zu warten.
Möglicherweise muss das Fluchtfahrzeug gewechselt, die Kleidung verändert oder anderweitig dafür gesorgt werden, dass die eigene Beschreibung nicht mehr stimmt.
Bei einer Fahndungsstufe von sechs Sternen soll die Situation schließlich komplett eskalieren. Statt lediglich innerhalb eines begrenzten Suchgebietes nach dem Spieler zu suchen, fahndet die Polizei dann offenbar über die gesamte Karte hinweg nach Jason beziehungsweise Lucia.
Social Media wird Bestandteil der offenen Welt
Dass soziale Netzwerke eine große Rolle in GTA 6 spielen, ließ bereits der erste Trailer vermuten. Inzwischen scheint klarer zu werden, wie Rockstar das System nutzen möchte.
NPCs können offenbar selbst Inhalte innerhalb eines sozialen Netzwerks veröffentlichen. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um lustige Videos oder Parodien auf Instagram und TikTok. Die Plattform könnte direkt mit der offenen Welt verbunden sein.
Spieler können beispielsweise über Social Media von einem bestimmten Ereignis erfahren und anschließend selbst zu diesem Ort fahren, um sich anzusehen, was dort passiert.
Damit wäre das Smartphone nicht einfach nur ein Menü für Kontakte und Missionen, sondern eine Möglichkeit, neue Inhalte innerhalb der Spielwelt zu entdecken.
Fitnessstudios aus GTA San Andreas kehren zurück
Auch eine beliebte Mechanik aus GTA San Andreas feiert offenbar ihr Comeback. Jason und Lucia können Fitnessstudios besuchen und dort trainieren. Dafür benötigt man anscheinend sogar eine Mitgliedschaft beziehungsweise ein Abonnement.
Durch Training kann der Körper beziehungsweise die Muskulatur der Charaktere beeinflusst werden. Passend dazu sollen sogar Proteinshakes erhältlich sein, mit denen sich das Training unterstützen lässt. Damit greift Rockstar ein Feature wieder auf, das sich Fans bereits seit GTA 5 zurückgewünscht haben.
Busse und Taxis dienen als Schnellreisesystem
Wer keine Lust hat, ständig selbst durch die riesige Karte von Leonida zu fahren, bekommt ebenfalls Alternativen. Busse und Taxis können offenbar als Schnellreisesystem genutzt werden. Gerade angesichts der enormen Größe der Spielwelt dürfte diese Funktion ziemlich wichtig werden.
Gleichzeitig passt sie zu Rockstars Ansatz, selbst klassische Komfortfunktionen möglichst glaubwürdig in die Spielwelt einzubauen.
GTA 6 könnte Rockstars bisher komplexeste Sandbox werden
Viele dieser Mechaniken wirken einzeln zunächst wie kleine Details. Benzinverbrauch, Fahrzeug-Tracker, Geldautomaten, Hehler, Polizeibeschreibungen, Kleidung, Social Media oder ein Criminal Profile sind für sich genommen keine Revolution. Spannend wird es jedoch, wenn all diese Systeme tatsächlich miteinander interagieren.
Man stelle sich einen Raubüberfall vor: Zunächst sucht man ein geeignetes Fahrzeug. Ein modernes Auto ist schnell, besitzt aber möglicherweise einen Tracker. Ein älteres Modell ist sicherer, dafür langsamer. Während des Überfalls entscheidet man selbst, ob man Menschen bedroht oder erschießt. Zeugen können Informationen an die Polizei weitergeben. Bei der Flucht müssen wir nicht nur Polizeiautos vermeiden, sondern möglicherweise Kleidung und Fahrzeug wechseln. Anschließend muss die Beute zu einem Hehler gebracht und das Bargeld sicher eingezahlt werden.
Plötzlich besteht ein kleiner Raubüberfall nicht mehr daraus, eine Waffe zu ziehen und anschließend zwei Minuten vor der Polizei wegzufahren. Genau darin könnte die eigentliche Weiterentwicklung von GTA 6 liegen.
Rockstar baut nicht einfach nur eine größere Karte mit besserer Grafik. Das Studio scheint seine verschiedenen Gameplay-Systeme so miteinander verknüpfen zu wollen, dass der Spieler wesentlich bewusster handeln muss.
GTA bleibt damit natürlich GTA. Niemand wird daran gehindert, sich einen Raketenwerfer zu schnappen und Vice City ins Chaos zu stürzen.
Doch wer GTA 6 wirklich wie ein Krimineller spielen möchte, bekommt offenbar deutlich mehr Möglichkeiten als jemals zuvor.
Sollten die bisherigen Eindrücke der Previewer das fertige Spiel tatsächlich widerspiegeln, könnte GTA 6 nicht nur eines der größten Spiele der vergangenen Jahre werden.
Es könnte tatsächlich das Spiel werden, an dem sich Open-World-Spiele für den Rest dieses Jahrzehnts messen lassen müssen.
