Was einst als weltweiter Spiele-Hype rund um Pokémon Go begann, hat sich im Hintergrund zu einer umfangreichen Datenquelle für künstliche Intelligenz entwickelt: Millionen Spieler haben beim Erkunden ihrer Umgebung, beim Scannen von Sehenswürdigkeiten und beim Bewegen durch Straßen und öffentliche Plätze unbeabsichtigt Bilder gesammelt, die heute für KI- und Robotiksysteme genutzt werden.
POKÉMON GO PLAYERS TRAINED 30 BILLION IMAGE AI MAP
Niantic says photos and scans collected through Pokémon Go and its AR apps have produced a massive dataset of more than 30 billion real-world images.
The company is now using that data to power visual navigation for delivery… pic.twitter.com/FIs65uO3sx
— NewsForce (@Newsforce) March 15, 2026
Pokémon Go als unerwartete KI-Datenquelle
Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2016 hat das Augmented-Reality-Spiel Pokémon Go Millionen Menschen weltweit dazu gebracht, ihre Umgebung zu erkunden. Spieler bewegen sich durch Städte und Parks, um die Taschenmonster zu fangen, die über die Smartphone-Kamera in reale Orte eingeblendet werden.
Fast ein Jahrzehnt später zeigt sich, dass diese Spielaktivitäten auch einen unerwarteten Nebeneffekt hatten: Sie trugen zum Aufbau einer riesigen Bilddatenbank der realen Welt bei, die inzwischen für künstliche Intelligenz und Robotik genutzt wird.
Nach Angaben des Spieleentwicklers Niantic sind durch Fotos und Standortscans aus Pokémon Go sowie weiteren Augmented-Reality-Apps mehr als 30 Milliarden Bilder realer Orte gesammelt worden. Die Aufnahmen entstanden unter anderem dann, wenn Spieler bestimmte Sehenswürdigkeiten, Plätze oder Gebäude im Spiel besuchen oder per Smartphone-Kamera scannen mussten, um die Spielgenauigkeit zu verbessern.
Bei diesen Scans wurden nicht nur Bilder aufgenommen, sondern auch zusätzliche Metadaten erfasst. Dazu gehören etwa GPS-Koordinaten, Kamerawinkel, Bewegungsdaten des Geräts und weitere Sensordaten. Für einzelne Nutzer wirkte dieser Vorgang wie eine gewöhnliche Spielinteraktion. Zusammengenommen erzeugten jedoch Millionen solcher Aufnahmen eine umfangreiche visuelle Karte der realen Welt.
Laut Niantic stammen viele dieser Bilder von mehr als einer Million häufig besuchten Orten. Da die Aufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln, zu verschiedenen Tageszeiten und unter unterschiedlichen Lichtverhältnissen entstanden, können sie zu einer mehrperspektivischen, teilweise dreidimensionalen Darstellung von Straßen, Gebäuden und öffentlichen Räumen kombiniert werden.
Neue Navigationstechnologie für Roboter
Diese Datensammlung bildet inzwischen die Grundlage für neue Technologien des Unternehmens-Ablegers Niantic Spatial. Das Unternehmen entwickelt damit ein sogenanntes „Visual Positioning System“. Dabei wird die Position eines Geräts nicht nur über GPS bestimmt, sondern zusätzlich über Kamerabilder. Das System vergleicht, was die Kamera sieht, mit der globalen Bilddatenbank und kann so den Standort präziser berechnen.
Gerade in dicht bebauten Städten kann GPS ungenau sein, weil Signale von Gebäuden reflektiert werden. Positionsabweichungen von mehreren Metern können etwa bei autonomen Lieferrobotern problematisch sein, wenn sie den exakten Eingang eines Gebäudes erreichen müssen.
Ein erstes praktisches Einsatzfeld ist die Zusammenarbeit mit dem Lieferdienst-Startup Coco Robotics. Dessen kleine, etwa acht Kilometer pro Stunde schnelle Lieferroboter bewegen sich auf Gehwegen und transportieren unter anderem Lebensmittel oder Bestellungen aus Restaurants. Mithilfe mehrerer Kameras gleichen die Roboter ihre Umgebung mit Niantics Bilddatenbank ab und bestimmen so ihren Standort genauer.
Damit wird eine Infrastruktur genutzt, die ursprünglich für ein Videospiel aufgebaut wurde. Die gleichen Daten, die Spielern halfen, virtuelle Pokémon an realen Orten zu finden, dienen heute als Grundlage für Navigationssysteme realer Maschinen.
Debatte über Datennutzung und Transparenz
Die Nutzung solcher Daten wirft zugleich Fragen nach Transparenz und Einverständnis auf. Zwar stimmen Nutzer bei der Installation den Datennutzungsbedingungen zu, Kritiker sehen jedoch eine Debatte darüber, inwieweit Spieler sich bewusst waren, dass ihre Beiträge langfristig auch für kommerzielle KI-Anwendungen genutzt werden könnten.
Quelle: timesnownews
