Wie in meinem ausführlichen Review und meiner Analyse zu Need for Speed Underground 2 bereits klar geworden sein dürfte, gab es eine Zeit in meinem Leben, an dem die Rennspiel-Reihe von Electronic Arts nicht spurlos an mir vorbei gefahren ist.
Ich muss aber direkt zu meiner Verteidigung sagen, dass ich Underground 2 und Carbon sehr viel gespielt habe, Most Wanted allerdings nur flüchtig. Es ist meiner Meinung nach wichtig zu erwähnen, dass Most Wanted innerhalb der Need for Speed-Community als eines der besten NFS-Teile angesehen wird und Carbon oftmals in seinem Schatten steht. Trotzdem möchte ich in diesem Review zu Carbon klar machen, dass für mich Carbon dann doch eine sehr besondere Erfahrung geschaffen hat und sehr gut für sich selbst einstehen kann.
Wer Need for Speed: Most Wanted (2005) gespielt hat, landet früher oder später bei der unvermeidlichen Frage: War der Nachfolger eigentlich wirklich was neues oder gar besser? Denn für viele Fans der Reihe fühlt sich Carbon eher wie ein Addon oder ein Sequel von Most Wanted an.
Bekannte Technik, vertrautes Fahrgefühl, dafür aber neue Struktur, neue Schauplätze und meiner Meinung nach eine deutlich bessere und düstere Atmosphäre. Darüberhinaus viele neue Features, die das Spiel meiner Meinung nach als vollwertigen Titel rechtfertigen und ihm einen festen Platz.
Carbon setzt das Fort, was sich über die gesamte Need for Speed-Reihe durchzieht. Immer mal wieder etwas völlig neues einbringen und das zum Mittelpunkt des Spiels machen. In Carbon waren es vor allem die Canyons, die das Spiel seinen Reiz verliehen, etwas völlig neues, was es bis dato in der Need for Speed-Reihe noch nicht gab und auch nicht mehr gegeben hat.
Die Story
Need for Speed: Carbon knüpft erzählerisch direkt an Need for Speed: Most Wanted an – sogar so deutlich, dass man im Prolog erneut im berühmten BMW M3 GTR unterwegs ist. Die ersten Szenen zeigen Canyon-Fahrten, eine hektische Flucht und natürlich taucht auch Sergeant Cross wieder auf. Wie schon im Vorgänger setzt das Spiel erneut auf Live-Action-Cutscenes, also echte Schauspieler vor digitalem Hintergrund. Damals war das ein ungewöhnlicher Stil, der das Spiel fast wie eine Mischung aus Rennspiel und Actionserie wirken ließ.
Inhaltlich bleibt die Story zunächst relativ simpel: Es geht um Verrat, verschwundenes Preisgeld und ein Rennen in der Vergangenheit, das komplett schiefgelaufen ist. Gleichzeitig arbeitet Carbon mit mehreren offenen Fragen und kleineren Plottwists, die im Verlauf der Karriere Stück für Stück aufgelöst werden.
Gleichzeitig dient die Handlung vor allem als Rahmen für den spielerischen Fortschritt, da sich der Spieler nach seiner Rückkehr nach Palmont nicht nur mit den Ereignissen der Vergangenheit auseinandersetzen, sondern auch seinen Ruf in der Straßenrennszene der Stadt wiederherstellen muss.
Zwar muss man Most Wanted nicht zwingend gespielt haben, um der Handlung folgen zu können, doch Fans des Vorgängers erkennen viele Verbindungen und erleben die Geschichte dadurch deutlich intensiver.
Die Handlung spielt in der Stadt Palmont, die von mehreren rivalisierenden Crews kontrolliert wird. Um sich bis an die Spitze der Straßenrennszene vorzuarbeiten, muss der Spieler diese Gruppen nach und nach besiegen und die Kontrolle über die Stadt zurückerlangen. Dieses Konzept ersetzt die Blacklist-Struktur aus Most Wanted und bildet den erzählerischen Rahmen für den Fortschritt im Spiel.
Zu Beginn dominieren drei große Crews die Stadt:
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Kenji und die Bushido-Crew (Tuner)
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Angie und ihre Muscle-Car-Crew
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Wolf mit seiner Exotic-Crew
Nachdem diese Rivalen besiegt wurden, tritt schließlich die vierte und wichtigste Macht auf den Plan: Darius und seine Crew „Stacked Deck“. Im Verlauf der Geschichte wird immer deutlicher, dass er im Hintergrund die Fäden gezogen hat und den Spieler lediglich benutzt hat, um die anderen Crews aus dem Weg zu räumen.
Im letzten Abschnitt der Story spitzt sich alles zu. Die Rennen werden länger und spürbar schwieriger, während sich endgültig bestätigt, was die Handlung schon früh angedeutet hat: Darius war nie wirklich auf deiner Seite. Das Finale funktioniert vor allem deshalb gut, weil die Canyon-Duelle hier ihre volle Wirkung entfalten und als Endprüfung perfekt zum Spielkonzept passen. Gleichzeitig wirkt das Ende im Vergleich zu Most Wanted etwas weniger spektakulär, da der große „Knallmoment“, der den Vorgänger abgeschlossen hat, hier etwas fehlt.
Die Stadt Palmont City
Im Vergleich zu den Städten aus Need for Speed: Underground 2 oder Most Wanted schneidet Palmont City meiner Meinung nach leider etwas schwächer ab, auch wenn sie nicht komplett schlecht ist. Während die Open World in Need for Speed: Underground 2 ein zentraler Bestandteil des Gameplays war, weil man als Spieler zu jedem Rennen selbst fahren musste, oder man sich in Most Wanted durch das Bounty-System regelmäßig Herausforderungen innerhalb der Stadt stellen musste, spielt die offene Welt in Carbon eine deutlich kleinere Rolle.
Zwar hat man auch hier die Möglichkeit, zu den einzelnen Events selbst zu fahren, doch meiner Meinung nach macht das deutlich weniger Spaß als beispielsweise in Underground 2. Viele Rennen werden direkt gestartet, ohne dass die Map aktiv durchfahren werden muss. Gleichzeitig haben auch Polizeiverfolgungen – die in Most Wanted ein zentrales Element des Spielfortschritts waren – in Carbon eine deutlich kleinere Rolle.

Dadurch verbringt man insgesamt weniger Zeit damit, sich frei durch die Stadt zu bewegen. Obwohl Palmont visuell durchaus überzeugt und als Spielwelt grundsätzlich funktioniert, wirkt sie im Vergleich zu den Städten der Vorgänger weniger intensiv in das Gameplay eingebunden und wird daher häufig als nicht vollständig ausgeschöpft wahrgenommen, was für mich extrem schade ist.
Vielleicht liegt das auch daran, dass Black Box und Electronic Arts den Fokus weniger auf die Stadt selbst, sondern stärker auf die Canyon-Strecken gelegt haben, die außerhalb von Palmont liegen. Diese gehören zwar zu den Highlights des Spiels, sorgen aber gleichzeitig dafür, dass die eigentliche Stadt als Open-World-Schauplatz etwas in den Hintergrund rückt.
Die gesamte Stadt fühlt sich dadurch teilweise eher wie eine große Rennstrecke an, die aus mehreren Abschnitten zusammengesetzt wurde, statt wie eine lebendige Open World. Markante Orte, wie etwa der Flughafen oder die Brunnenanlagen aus Underground 2 oder der Golfplatz und die Tunnel aus Most Wanted, fehlen hier weitgehend. Viele Bereiche der Stadt unterscheiden sich optisch nur leicht voneinander, wodurch die Map insgesamt etwas homogener wirkt.
Die Herausforderungen gegen andere Fahrer in der Open World kehren jedoch wie in Underground 2 zurück und bieten sogar die Möglichkeit, die Rennstrecken selbst zu bestimmen. Man hat bei einer solchen Herausforderung verschiedene Streckenabschnitte zur Auswahl und kann dann bestimmen, welchen Abschnitt man gegen den anderen Fahrer fahren möchte.
Hinzu kommt, dass in der Stadt vergleichsweise wenig los ist. Gerade weil die Atmosphäre des Spiels ansonsten sehr gelungen ist, fällt das umso mehr auf. Der Verkehr ist stark begrenzt und auch abseits der Rennstrecken gibt es nur wenige Details in der Spielwelt. Möglicherweise liegt das auch am enormen Entwicklungsdruck jener Zeit: Black Box und Electronic Arts veröffentlichten damals nahezu jährlich einen neuen Need-for-Speed-Teil, jeweils mit besserer Grafik, neuen Features, mehr Fahrzeugen und erweiterten Tuningmöglichkeiten. Dieses Pensum war langfristig vermutlich kaum noch vollständig auszureizen, weshalb auch hier möglicherweise etwas wegrationalisiert wurde.
Atmosphäre und Soundkullise
Im Vergleich zu Need for Speed: Most Wanted setzt Need for Speed: Carbon auf eine deutlich düsterere Atmosphäre mit einem hellgrau-weißlichen Farbfilter. Während Underground 2 stark von Neonreklamen und fast schon cyberpunkartigen Lichtern geprägt war und Most Wanted insgesamt heller und stellenweise fast friedlich wirkte, entwickelt Carbon einen eigenen visuellen Stil, der deutlich kühler und reduzierter erscheint.
Der Schauplatz ist Palmont City (im Transkript teilweise auch „Belmont“ genannt). Vom Grundgefühl her bewegt sich das Spiel wieder stärker in Richtung der klassischen Underground-Vibes: Nacht, Lichter, glänzende Straßen und eine typische Street-Racing-Ästhetik prägen das Bild. Die Stadt wirkt dabei insgesamt etwas schicker und stellenweise fast „Vegas-artig“ im Vergleich zu Rockport aus Most Wanted, auch wenn viele Bezirke weniger markante Unterschiede aufweisen. Während Most Wanted klare Kontraste zwischen Downtown, Waterfront oder Industriegebieten hatte, fallen diese Unterschiede in Carbon deutlich subtiler aus.
Eine der größten atmosphärischen Stärken des Spiels sind jedoch die Canyon-Rennen. Hier entfaltet Carbon seine intensivste Stimmung. Enge Straßen, tiefe Abgründe und eine treibende Drumline-Musik sorgen für eine deutlich nervösere und spannungsgeladenere Atmosphäre als bei den klassischen Stadtrennen. Fehler werden hier sofort bestraft, wodurch diese Events deutlich intensiver wirken als normale Rundkursrennen.
Ein weiterer wichtiger Unterschied zu Most Wanted ist das Setting: Carbon spielt nahezu vollständig bei Nacht. Dadurch entsteht eine stärkere Underground-Atmosphäre, die das illegale Street-Racing-Thema stärker in den Mittelpunkt rückt. Reflektionen von Straßenlaternen auf glänzenden Straßen und die dichte Beleuchtung verstärken diesen visuellen Stil zusätzlich. Gleichzeitig bleibt die Farbgestaltung deutlich zurückhaltender als in Underground 2: Statt greller Neonfarben dominieren dunklere Grau- und Weißtöne, die dem Spiel seinen eigenen, unverwechselbaren Look verleihen.
Gameplay
Insgesamt bleibt Carbon spielmechanisch sehr nah an seinem Vorgänger. Viele Elemente – vom Fahrgefühl bis zur Struktur der Rennen – erinnern stark an Most Wanted, wodurch sich das Spiel zwar vertraut anfühlt, gleichzeitig aber stellenweise weniger wie ein komplett neuer Teil der Reihe wirkt.
Ein weiteres neues Element in Need for Speed: Carbon ist die Crew-Mechanik. In vielen Rennen wird der Spieler von einem sogenannten Wingman unterstützt. Dabei gibt es drei Rollen: Blocker, die Gegner behindern oder rammen, Drafter, die einen Geschwindigkeitsbonus ermöglichen, wenn man in ihrem Windschatten fährt, und Scouts, die während des Rennens auf Abkürzungen hinweisen.
Das System spielt sich angenehm arcadig und kann Rennen dynamischer gestalten, bleibt jedoch eher ein unterstützendes Zusatzfeature als eine tiefgehende Strategieebene. Die Crewmitglieder sind hilfreich, aber selten wirklich spielentscheidend – eher ein kleiner Vorteil als ein zentraler Bestandteil des Gameplays. Zudem treten sie ausschließlich im Karrieremodus auf und sind im Player-versus-Player-Multiplayer nicht aktiv.
Bei den Rennmodi übernimmt Carbon vieles aus Need for Speed: Most Wanted, etwa Sprint-, Rundkurs- und Radarfalle-Rennen. Gleichzeitig bringt das Spiel einen wichtigen Modus zurück: Drift-Events. Diese funktionieren klassisch über Punkte für Driftwinkel, Geschwindigkeit und Wandnähe, während ein Multiplikator durch aufeinanderfolgende Drifts entsteht und ein Crash den Lauf beendet. Sie sorgen für zusätzliche Abwechslung im Rennkalender, gelten allerdings als vergleichsweise leicht.
Auch Polizeiverfolgungen sind weiterhin vorhanden, spielen jedoch eine deutlich kleinere Rolle als im Vorgänger. Während sie in Most Wanted ein zentraler Bestandteil der Karriere und des Spielfortschritts waren, wirken sie in Carbon eher wie ein übernommenes Feature, das zwar noch existiert, aber dramaturgisch nicht mehr die gleiche Bedeutung besitzt.
Der eigentliche Spielfortschritt basiert stattdessen auf einem Territorien-System, das die Blacklist-Struktur aus Most Wanted ersetzt. Die Stadt Palmont ist in mehrere Distrikte unterteilt, die wiederum aus einzelnen Sektionen bestehen. In jeder dieser Sektionen stehen verschiedene Rennen zur Verfügung, die gewonnen werden müssen, um die Kontrolle über das jeweilige Gebiet zu übernehmen. Sobald genügend Events abgeschlossen wurden, gehört die Sektion dem Spieler. Wird ein kompletter Distrikt erobert, kommt es schließlich zum Bossduell gegen die Crew, die das Gebiet kontrolliert. Dadurch entsteht eine klare Progressionsstruktur, bei der man sich Schritt für Schritt durch die Stadt arbeitet und immer stärkere Gegner besiegt.
Ergänzt wird dieses System durch sogenannte Defense Races. Dabei können rivalisierende Crews bereits eroberte Gebiete angreifen, die der Spieler anschließend verteidigen muss. Die Idee dahinter ist grundsätzlich interessant, da sie das Gefühl vermittelt, dass die Stadt auf die eigenen Erfolge reagiert. In der Praxis treten diese Rennen jedoch sehr häufig auf und sind meist relativ leicht, wodurch sie schnell repetitiv wirken und eher wie eine künstliche Verlängerung der Spielzeit erscheinen.
Wie bereits in Most Wanted folgt auf jeden Bosskampf außerdem ein Belohnungssystem mit Markern. Hinter diesen zufälligen Auswahlmöglichkeiten verbergen sich verschiedene Preise, etwa Geld, Performance-Teile oder auch der sogenannte Pink Slip, also das Fahrzeug des besiegten Bosses.
Ergänzt wird dies durch ein Tier-System, bei dem Fahrzeuge in drei Leistungsstufen eingeteilt sind. Diese bestimmen grob, gegen welche Gegner man antritt und wie sich die Progression innerhalb der Karriere entwickelt. Dadurch entsteht ein relativ schnelles Fortschrittstempo, bei dem man nach und nach stärkere Fahrzeuge freischaltet und seine Garage erweitert.
Trotz der vergleichsweise kurzen Kampagne besitzt die Karriere dadurch einen gewissen Wiederspielwert. Je nachdem, mit welcher Fahrzeugklasse man startet – Tuner, Muscle oder Exotic – beginnt man in unterschiedlichen Bereichen der Stadt und schaltet verschiedene Fahrzeuge frei. Auch das Sammeln der Bossautos kann dazu motivieren, die Karriere mehrfach zu spielen.
Das Tuning
Das Tuning ist in Need for Speed: Carbon eng mit den drei Fahrzeugklassen verbunden und gehört zu den Aspekten, die das Spiel besonders auszeichnen. Fahrzeuge lassen sich gezielt auf unterschiedliche Eigenschaften wie Beschleunigung, Höchstgeschwindigkeit oder Handling abstimmen, wodurch sehr individuelle Setups entstehen können. In Kombination mit den Klassen – Tuner, Muscle Cars und Exoten – ergeben sich unterschiedliche Fahrstile, die sich durch Feintuning weiter optimieren lassen und das Spiel auch für Multiplayer-Rennen interessant machen.
Auch bei der optischen Gestaltung bietet Carbon viel Freiheit. Der deutlich erweiterte Vinyl-Editor ermöglicht durch ein Layer-System das Erstellen eigener Designs, während das Autosculpt-System Karosserieteile wie Spoiler oder Stoßstangen über Slider in Form und Größe anpassen lässt, sobald der passende „Fabricator“-Skill freigeschaltet wurde. Für die damalige Zeit war Autosculpt ein bemerkenswertes Feature, da Bauteile nicht nur ausgewählt, sondern auch in ihrer Form individuell verändert werden konnten. Dadurch entstand eine deutlich größere gestalterische Freiheit als in vielen anderen Rennspielen dieser Zeit.
Interessant ist dabei, wie sich die Tuning-Schwerpunkte innerhalb der Reihe verschoben haben. Während Need for Speed: Underground 2 stark auf Show-Tuning und visuelle Inszenierung setzte – mit Elementen wie Kofferraumausbauten, Unterboden-Neons oder Hydrauliksystemen – legt Carbon deutlich mehr Wert auf fahrerische Abstimmung und Performance-Tuning. Auch wenn man anfangs vielleicht denkt, dass solche Show-Elemente fehlen, fällt im Spielverlauf auf, dass sie kaum vermisst werden, da Autosculpt und das differenziertere Performance-Tuning genügend Möglichkeiten zur Individualisierung bieten.
Insgesamt stehen im Spiel rund 59 Fahrzeuge zur Verfügung, die neben den drei Fahrzeugklassen zusätzlich in Leistungsstufen von Tier 1 bis Tier 3 eingeteilt sind. Diese Struktur sorgt dafür, dass sich die Fahrzeuge im Verlauf der Karriere spürbar weiterentwickeln und das Tuning eine wichtige Rolle für die Leistungssteigerung spielt.
Gleichzeitig zeigt sich hier auch ein typisches Muster der damaligen Need-for-Speed-Entwicklung: Bestimmte Features verschwinden in einem Teil, nur um im nächsten Spiel durch neue Ideen ersetzt oder in veränderter Form wieder aufgegriffen zu werden.
Im Vergleich zum direkten Vorgänger Most Wanted erweitert Carbon die Anpassungsmöglichkeiten deutlich und bietet Spielern mehr Freiheit bei der individuellen Gestaltung ihrer Fahrzeuge.
Das Fazit
Mein persönliches Fazit zu Need for Speed: Carbon fällt insgesamt positiv aus, auch wenn das Spiel nicht frei von Schwächen ist. Besonders gefallen hat mir die Story, die durch das Crew- und Territoriensystem eine interessante Struktur bekommt. Die verschiedenen Crews mit ihren eigenen Designs, die Aufteilung der Stadt in Gebiete sowie die unterschiedlichen Fahrzeugklassen sorgen dafür, dass sich der Spielfortschritt abwechslungsreich anfühlt. Gerade diese Kombination aus Crews, Fahrzeugtypen und dem Erobern von Distrikten gehört für mich zu den stärksten Ideen des Spiels. Aber auch die Cutszenen, die neben dem Spielen wie ein kleiner Actionfilm wirken.
Viele Spieler sehen Carbon vor allem als direkten Nachfolger von Most Wanted. Auch wenn beide Spiele erzählerisch stark miteinander verbunden sind, sehe ich Carbon dennoch als ein eigenständiges Spiel innerhalb der Reihe. Die Einführung der Fahrzeugklassen, die erweiterten Tuningmöglichkeiten, die Canyon-Rennen sowie die Crew-Mechanik bringen genügend neue Ideen mit, um dem Spiel eine eigene Identität zu geben. Deshalb wirkt es aus meiner Sicht etwas unfair, Carbon lediglich als eine Art Erweiterung oder „Add-on“ zu Most Wanted zu betrachten.
Trotzdem hätte ich mir an einigen Stellen eine andere Schwerpunktsetzung gewünscht. Das Crew-System ist zwar eine interessante Idee, wirkt im Spielverlauf aber eher wie ein Zusatzfeature. Rückblickend wäre es möglicherweise spannender gewesen, wenn stattdessen mehr Fokus auf die Stadt und die Open-World-Aspekte gelegt worden wäre. Gerade Palmont City hätte mit etwas mehr Leben, Verkehr und markanten Orten vermutlich noch stärker wirken können.
Gleichzeitig darf man nicht vergessen, in welcher Zeit das Spiel erschienen ist. Mitte der 2000er waren Spieler noch nicht so sehr an riesige, komplexe Open Worlds gewöhnt wie heute. Gemessen an den damaligen Standards liefert Need for Speed: Carbon eine solide Spielwelt und mit dem Crew-System sogar ein Feature, das damals durchaus als frische Idee wahrgenommen wurde.
Grundsätzlich zeigt sich an Carbon aber auch ein typisches Muster der damaligen Need-for-Speed-Entwicklung: Statt einzelne Konzepte über mehrere Teile hinweg konsequent weiterzuentwickeln, wurden häufig neue Ideen eingeführt, während andere Features wieder verschwanden oder stark verändert wurden. Dieses Prinzip erinnert ein wenig an andere Spielreihen – etwa Pokémon –, bei denen ebenfalls regelmäßig neue Mechaniken eingeführt werden, die im nächsten Teil plötzlich wieder fehlen.
Insgesamt lässt sich Need for Speed: Carbon daher gut als eine evolutionäre Fortsetzung von Need for Speed: Most Wanted beschreiben. Viele grundlegende Spielmechaniken, das Fahrgefühl und die Struktur der Karriere orientieren sich stark am Vorgänger, werden aber um neue Elemente ergänzt. Nicht alle dieser Ideen werden vollständig ausgeschöpft, und auch die vergleichsweise kurze Kampagne fällt im Vergleich zu anderen Teilen der Reihe auf. Polizeiverfolgungen spielen eine deutlich kleinere Rolle als in Most Wanted, und auch die Open World wird insgesamt weniger intensiv genutzt.
Was auf jeden Fall auch erwähnt werden muss, ist der zahlreiche Late-Game-Content. Mit Herausforderungen, in denen man mit verschiedenen Autos bestimmte Challenges meistern muss, um neue Autos sowie auch Polizeiwagen für den Multiplayer freizuschalten, stellt dieser eine echte Bereicherung dar und ist nicht so einfach zu erledigen.
In diesem Fall muss man zum Beispiel zehn Polizeiwagen zerstören und anschließend fliehen (Bronze). Die Goldherausforderung ist dann deutlich schwerer.
Ein interessanter Aspekt bleibt die Aufteilung der Fahrzeuge in verschiedene Klassen. Die unterschiedlichen Fahrstile sorgen grundsätzlich für mehr Abwechslung, auch wenn sich die Balance nicht immer perfekt anfühlt. Besonders Muscle Cars wirken stellenweise deutlich stärker als andere Fahrzeugtypen, während Tuner im Vergleich eher schwächer erscheinen. Trotzdem gefällt mir die grundlegende Idee, Fahrzeuge klar in unterschiedliche Kategorien mit eigenen Stärken und Schwächen zu unterteilen.
Unterm Strich bleibt Need for Speed: Carbon für mich ein sehr solides Rennspiel, das einige spannende Ideen ausprobiert und gleichzeitig viele bekannte Elemente der Reihe weiterführt. Auch wenn der große Innovationssprung gegenüber Most Wanted ausbleibt und manche Konzepte nicht vollständig ausgereift wirken, bietet das Spiel eine unterhaltsame Street-Racing-Erfahrung, die sich trotz ihrer Nähe zum Vorgänger als eigenständiger Teil der Serie behaupten kann.

