Wer Marryluu auf einer Convention begegnet, trifft meist auf eine Figur, die man nicht so schnell vergisst. Mal ist sie als Ladypool unterwegs, mal als Harley Quinn oder Jinx aus League of Legends. Hinter den aufwendigen Kostümen steckt jedoch weit mehr als nur die Freude am Verkleiden. Seit mittlerweile zehn Jahren lebt die Cosplayerin ihre Leidenschaft für Charaktere aus Games, Filmen und Comics aus und vor allem für das Handwerk, das hinter jedem Kostüm steckt.
Der Weg ins Cosplay begann bereits während ihrer Schulzeit. Eine Klassenkameradin erzählte ihr damals von einem Hobby, das in Deutschland noch deutlich weniger bekannt war als heute. Gemeinsam teilten sie die Begeisterung für Anime. Während die Freundin Hinata aus Naruto Shippuden darstellen wollte, entschied sich Marryluu für Sakura Haruno. Das erste Kostüm war ein günstiger Kauf von eBay für rund 40 Euro. Die große Leidenschaft wollte sich damals allerdings noch nicht einstellen.
„Ich habe es einmal getragen und keine richtige Liebe oder Verbundenheit zu dem Cosplay gespürt“, erinnert sie sich.
Doch bereits wenige Monate später sollte sich das ändern. Als 2016 der Film „Suicide Squad“ die Kinos eroberte, entdeckte Marryluu ihre Begeisterung für Harley Quinn. Plötzlich war sie da – die Begeisterung, die viele Cosplayer kennen, wenn sie ihren perfekten Charakter finden. Zum ersten Mal fertigte sie auch Teile ihres Kostüms selbst an. Der kreative Entstehungsprozess wurde zu einer ebenso großen Leidenschaft wie das eigentliche Cosplay.

Bis heute sind es genau diese beiden Aspekte, die sie am Hobby faszinieren. Zum einen die Möglichkeit, aus einfachen Materialien beeindruckende Requisiten, Rüstungen oder Perücken entstehen zu lassen. Zum anderen die Kunst, in die Rolle eines Charakters zu schlüpfen und ihn glaubwürdig zum Leben zu erwecken.
Dabei sieht sich Marryluu nicht ausschließlich als klassische Crafting-Cosplayerin. Zwar kauft sie auch einzelne Bestandteile ihrer Kostüme, doch jedes ihrer Cosplays trägt ihre persönliche Handschrift. „Ich habe kein einziges Cosplay, an dem ich nicht wenigstens etwas selbst gebaut oder optimiert habe“, erklärt sie. Für sie liegt der Unterschied zwischen einem normalen Cosplayer und einem Crafting Cosplayer vor allem im Fokus. Während manche möglichst viele verschiedene Kostüme präsentieren möchten, investiert sie lieber viel Zeit in einzelne Projekte und deren handwerkliche Umsetzung.
Dass dabei nicht immer alles nach Plan läuft, zeigt eines ihrer aufwendigsten Projekte. Besonders die Herstellung des Schweifs für ihr Ahri-Cosplay entwickelte sich zu einer echten Geduldsprobe. Der erste Versuch mit dem Material Clear Worbla erwies sich als Fehler. Tagelang kämpfte sie mit Hitze, Formgebung und widerspenstigen Einzelteilen. Am Ende baute sie den Schweif komplett neu – diesmal aus Kunststoff. Die zweite Version war nicht nur leichter und stabiler, sondern sah auch deutlich besser aus.
Auf die Frage nach ihrem stolzesten Cosplay fällt ihr die Antwort schwer. Aus handwerklicher Sicht nennt sie Jinx. Dort integrierte sie erstmals selbst verlötete Lichtelemente in ihre Requisiten. Geht es dagegen um das eigentliche Cosplay-Erlebnis, führt kein Weg an Ladypool vorbei.

Ladypool ist für Marryluu weit mehr als nur ein Kostüm. In der Rolle fühlt sie sich besonders frei. Kein aufwendiges Make-up, keine stundenlange Vorbereitung – stattdessen Spontanität, Humor und jede Menge Unsinn. „Ich kann einfach jede Menge Quatsch erzählen und es passt perfekt zum Charakter“, sagt sie lachend. Genau diese Lockerheit habe ihr viele unvergessliche Momente beschert und den Charakter zu einem ihrer absoluten Favoriten gemacht.
Ihre heutigen Cosplay-Projekte orientieren sich dabei stark an ihren persönlichen Interessen. Während Anime für sie im Laufe der Jahre etwas an Bedeutung verloren haben, begeistern sie inzwischen vor allem Videospiele, Filme und Comics. Deshalb dominieren Figuren wie Harley Quinn, Jinx oder Ladypool ihre aktuelle Auswahl.
Auch als Content Creator entwickelt sie sich stetig weiter. Bisher lag ihr Schwerpunkt nicht auf Livestreams, vor allem weil die privaten Voraussetzungen dafür fehlten. Doch das ändert sich gerade. Kürzlich absolvierte sie ihren ersten Livestream auf TikTok und möchte diesen Bereich künftig weiter ausbauen.
Mit gemischten Gefühlen blickt sie auf die aktuelle Entwicklung der Cosplay-Szene. Die Diskussion um Künstliche Intelligenz nimmt sie zwar wahr, betrachtet sie aber als Teil einer allgemeinen Debatte, die viele kreative Bereiche betrifft. Wesentlich mehr beschäftigt sie eine andere Entwicklung: der Umgang mancher Menschen miteinander.
Immer häufiger erlebt sie Situationen, in denen freundliche Komplimente oder ehrliches Interesse mit Ablehnung oder Arroganz beantwortet werden. Für jemanden, der die Gemeinschaft und den Austausch auf Conventions schätzt, ist das eine Entwicklung, die sie bedauert.
Gerade deshalb sind Veranstaltungen wie die DoKomi für sie bis heute etwas Besonderes. Sie bieten die Möglichkeit, alte Freunde wiederzutreffen, neue Menschen kennenzulernen und sich von kreativen Künstlern inspirieren zu lassen. Gleichzeitig nutzt sie die Events inzwischen auch beruflich und produziert dort Inhalte für ihre Social-Media-Kanäle.
Unvergessliche Momente gibt es dabei viele. Einer der jüngsten ereignete sich auf der vergangenen DoKomi, als sie spontan Teil einer YouTube-Challenge des bekannten Creators Mexify wurde. Für ein Foto sollte sie auf seinen Rücken steigen. Das Kuriose daran: Zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch gar nicht, wer er eigentlich war.
An Einsteiger richtet Marryluu einen klaren Rat: Wer mit Cosplay beginnen möchte, sollte sich zunächst einen Charakter suchen, mit dem er sich wirklich identifizieren kann. Wichtig sei es, sich langsam an das Hobby heranzutasten und nicht sofort den Druck zu verspüren, auf großen Conventions perfekt auftreten zu müssen.

Und welche Traumprojekte stehen noch auf ihrer Wunschliste? Überraschenderweise keine völlig neuen Charaktere. Mit Ladypool, Harley Quinn und Jinx hat sie ihre persönlichen Favoriten bereits gefunden. Stattdessen träumt sie von besseren Werkzeugen und professioneller Ausrüstung für ihre Werkstatt – etwa einer Stickmaschine oder einem Lasercutter, die ihre kreativen Möglichkeiten noch einmal deutlich erweitern würden.
Für die Zukunft hat Marryluu zahlreiche kleinere Projekte geplant. Besonders gespannt dürfen sich ihre Fans auf den Start ihrer eigenen Webseite freuen, die bereits in Arbeit ist. Dort möchte sie künftig noch mehr Einblicke in ihre Arbeit geben und auch Tipps für Cosplay-Einsteiger bereitstellen.
Nach zehn Jahren in der Szene ist eines jedenfalls klar: Für Marryluu ist Cosplay längst mehr als ein Hobby. Es ist die Verbindung aus Kreativität, Handwerk und Leidenschaft – und genau diese Begeisterung spürt man in jedem ihrer Projekte.
Socials von Marry
